Von der Pyramide zur Rakete

Von der Pyramide zur Rakete

In den letzten zehn Jahren konnten auf dem Markt für Rechtsberatung tiefgreifende Veränderungen beobachtet werden. Es ist nicht nur der Preisdruck, dem sich Anwaltskanzleien heute ausgesetzt sehen (die more for less-Herausforderung), sondern vor allem die Digitalisierung, die Veränderungen im gesamten Geschäftsmodell nach sich ziehen wird. Nach einer Schätzung der Boston Consulting Group können zwischen 30 % und 50 % der Aufgaben, die heutzutage von Berufsanfängern durchgeführt werden, durch sogenannte legal tech Lösungen ersetzt werden.

Bis jetzt haben jedoch noch gar nicht so viele Anwaltskanzleien diese neuen Möglichkeiten umgesetzt. Die Gründe sind ganz einfach: einerseits basiert das traditionelle Geschäftsmodell einer Anwaltskanzlei nach wie vor auf verrechenbaren Stunden, und andererseits liefern die klassischen Gewinnverteilungsmodelle in Partnerschaften wenig Anreiz, in neue Technologien zu investieren. Darüber hinaus darf man einen weiteren, wichtigen Grund nicht vergessen: die Innovationen, die durch die neuen Technologien ermöglicht werden, ziehen tiefgreifende Veränderungen sowohl in den Prozessen (und daher auch der Organisation) als auch in der Kostenstruktur der Kanzleien nach sich.

Was versteht man eigentlich konkret unter Legal Tech Lösungen?

Am unteren Ende der Wertschöpfungskette stehen so genannte enabler technologies. Darunter versteht man Technologien, die eine Digitalisierung erst ermöglichen, wie etwa Investitionen in die Dateninfrastruktur, die Datensicherheit sowie in den sicheren Datentransfer. Beispiele dafür sind Lösungen für die Datenspeicherung in der Cloud, für Cybersecurity sowie Collaboration Software.  

Eine zweite Kategorie von Legal Tech Lösungen betrifft die Digitalisierung der Support Prozesse einer Kanzlei. Das sind Lösungen, die vor allem Back Office-Prozesse effizienter machen, wie z. B. Software für diverse HR Prozesse, Lösungen für den Einkauf (Procurement), für die Fakturierung der Honorarnoten oder CRM-Applikationen.

In der dritten Kategorie findet man schließlich Lösungen für rechtliche Themen i.e.S., also Lösungen, die die Rechtsberatung durch einen Anwalt unterstützen bzw. eventuell sogar ersetzen. Beispiele dafür sind Lösungen für  standardisierte Briefe, für das Management der Überwachung von bestimmten Fristen, aber auch für das Aufsetzen einfacher Verträge. Künstliche Intelligenz wird in diesem Bereich mittel- bis langfristig eine größere Rolle spielen.

Big Law – was ist zu tun?

Aufgrund dieser eben beschriebenen Veränderungen werden Anwaltskanzleien in fünf bis zehn Jahren ganz anders aussehen. Um in der Zukunft bestehen zu können, müssen die Kanzleien ihr Geschäftsmodell komplett neu überdenken. Es müssen sowohl die value proposition (Wer sind die Zielkunden? Mit welchem Angebot geht man auf den Markt? Wie genau wird man bezahlt?) als auch das operating model (Auf welche Art und Weise erbringt man die Dienstleistung?) in Frage gestellt werden.

Ähnlich wie im Management Consulting oder in der Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung ist damit zu rechnen, dass sich die Art und Weise, wie die Beratungsleistung mit dem Mandanten verrechnet wird, verändern wird. Zusätzlich zu den verrechenbaren Stunden werden Festpreise oder Honorare für einen bestimmten Erfolg oder Honorare für einzelne, vorher definierte Leistungen an Bedeutung gewinnen.

Auch die Kostenstruktur ändert sich fundamental – zusätzlich zu den Anwaltsgehältern müssen zukünftig auch die Kosten für Technologie berücksichtigt werden.

Die bisherige Organisationsstruktur einer Kanzlei wird durch diese Veränderungen komplett in Frage gestellt. Das traditionelle Modell einer Pyramide (wenige Partner oben, jedoch eine Vielzahl von Junganwälten und Associates auf den unteren Hierarchie-Ebenen) wird durch ein neues Modell abgelöst, das einer Rakete ähnelt:

In dieser schönen, neuen Welt kann die Anzahl von jüngeren Anwälten und Associates drastisch reduziert werden. Jedoch würde dafür eine neue Kategorie Mitarbeiter Einzug halten, die man bisher in Anwaltskanzleien kaum vorgefunden hat: IT- Spezialisten (Software-Ingenieure, Datenbank-Spezialisten), Mathematiker (bzw. Statistiker) und Projektmanager.

Eines kann man festhalten: die neue „Raketen“-Struktur zieht eine Reihe von Management-Herausforderungen nach sich. Eine derartige Organisation funktioniert nicht mehr wie eine traditionelle Kanzlei mit Partnerschaftsstruktur…

Kleinere Kanzleien – was ist zu tun?

Neben all den Risiken, die Legal Tech vor allem für kleinere Kanzleien darstellt, bieten sich unter Umständen sogar neue Möglichkeiten, um sich am Markt besser zu differenzieren. Es wird wesentlich sein, a) eine Nische zu finden und b) die neuen Technologien zu verwenden, um sich von der Konkurrenz abzuheben.

Kleinere Kanzleien können ihre value proposition am besten durch Spezialisierung verändern. Anstatt als Generalisten aufzutreten, kann es ein großer Vorteil sein, sich auf ein bestimmtes Gebiet zu konzentrieren. Besonders kreativ ist die Kombination aus Spezialisierung und fixen Preisen. Innovative, kleine Kanzleien fallen durch neu zusammengestellte Lösungen auf, die sie zu Festpreisen anbieten.  

Was das operating model von kleineren Kanzleien angeht, kann Legal Tech diese dabei unterstützen, effizienter zu werden. Saas (Software as a service) Lösungen können dabei helfen, kapitalintensive Investitionskosten in IT-Infrastruktur zu reduzieren.

Wohin die Reise geht, zeigt heute schon das Marktsegment „Fluggastrechte“. Hier gibt es Online-Portale, die Betroffene einfach, schnell und zu attraktiven Konditionen zu ihrer Entschädigung verhelfen. Bedenkt man, dass die Qualität solcher Geschäftsmodelle durch spezialisiertes Management und leistungsfähige Prozesse gesichert wird, erscheint die Beauftragung eines Anwalts in einer solchen Angelegenheit geradezu absurd.

 

Der Beitrag ist eine Zusammenfassung der Studie How Legal Technology Will Change the Business of Law, die die Boston Consulting Group zusammen mit der Bucerius Law School im November 2018 veröffentlicht hat: 

https://www.bucerius-education.de/fileadmin/content/pdf/studies_publications/Legal_Tech_Report_2016.pdf

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